{"id":9287,"date":"2021-08-16T09:25:35","date_gmt":"2021-08-16T07:25:35","guid":{"rendered":"https:\/\/archiv-heilpaedagogik.de\/?p=9287"},"modified":"2021-08-16T09:26:25","modified_gmt":"2021-08-16T07:26:25","slug":"vergessene-vulnerabilitaet-anthropologie-der-verletzbarkeit","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv-heilpaedagogik.de\/pl\/vergessene-vulnerabilitaet-anthropologie-der-verletzbarkeit\/","title":{"rendered":"Vergessene Vulnerabilit\u00e4t \u2013 Anthropologie der Verletzbarkeit"},"content":{"rendered":"\n<p>Konrad Bundschuh<\/p>\n\n\n\n<p>Die Coronapandemie r\u00fcckt die Frage der Verletzbarkeit des Menschen in den Vordergrund t\u00e4glichen Denkens, F\u00fchlens und Handelns. St\u00e4ndig werden wir sowohl durch die Medien als auch durch pers\u00f6nliche Begegnungen, durch digitale und sonstige Kommunikation mit dieser Problematik tangiert. Hatten wir auch im Zusammenhang mit einem Perfektions- und Machbarkeitsdenken sowie einer h\u00e4ufig vorherrschenden Optimierungssucht Vulnerabilit\u00e4t verdr\u00e4ngt?<br>Vom pr\u00e4natalen Stadium bis zum Tod erweist sich der Mensch als in unkalkulierbarem Ma\u00dfe bedroht, physisch, mental und psychisch verletzbar. Das Streben des Menschen zielt zwar in immer st\u00e4rkerem Ma\u00dfe<br>nach Sicherheit, Strukturierung und auch Berechenbarkeit etwa in den Bereichen Gesundheit, Finanzen,<br>Wohnen, Politik, Frieden, gleichzeitig werden aber Unsicherheiten, \u00c4ngste bis zur Verzweiflung gerade in<br>der heutigen Zeit transparent wie selten zuvor.<br>Obgleich wir die Probleme an sich \u201eim Griff\u201c zu haben scheinen, erweisen sich sowohl Fragen zu Aids,<br>zu Krankheiten wie Krebs, Kreislauf- und Herzinsuffizienzen, ja zu bestimmten Formen von Grippeerkrankungen, Corona, die Besch\u00e4ftigungssituation der Menschen, Armut, Ern\u00e4hrung der Weltbev\u00f6lkerung, Orkane, Hochwasserkatastrophen bis hin zu den Finanzm\u00e4rkten als auch die Fragen nach der Zukunft nicht nur herausfordernd, sondern geradezu als bedrohlich. Im Zusammenhang mit Vermehrung und Ern\u00e4hrung der Weltbev\u00f6lkerung, Weltproblemen, Umweltverschmutzung, Bildungs- und Erziehungsfragen, Behinderungen, Globalisierung, Atomindustrie und atomarer Bewaffnung f\u00fchlen wir uns fast schon ohnm\u00e4chtig.<br>Das Streben nach Sicherheit und Funktionieren ist in der Vergangenheit so dominant geworden, dass die<br>meisten Menschen Vulnerabilit\u00e4t menschlichen Seins nicht oder nicht mehr wahrnehmen wollten, geradezu verdr\u00e4ngten. Wir leben in einer Zeit der qualitativen und quantitativen \u201eOptimierungssucht\u201c. In den Schlagworten \u201eh\u00f6her, schneller, weiter, besser\u201c, dr\u00fcckt sich dies aus. Dabei gehen wir zweifellos mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit der Situation des Behindert Seins mit zunehmendem Alter entgegen. \u201eNormalbiographie\u201c kann sich auch angesichts der Coronapandemie schnell aufgrund von Erfahrungen, Informationen und eigener Betroffenheit in eine \u201eBruchbiographie\u201c wandeln. Manchmal leben wir in der Gegenwart mit dem Gef\u00fchl, uns in einer Art \u201eDrahtseilbiographie\u201c zu bewegen. Dies alles belastet uns Menschen. Wie gehen wir damit um?<br><br>Etwa 35 % aller Menschen \u00fcber 65 Jahren gelten als mittel bis schwer behindert, bed\u00fcrfen permanenter<br>Unterst\u00fctzung, ja teilweise der Pflege. Sowohl aus der Situation von einer Behinderung betroffener<br>Kinder, Jugendlicher und Erwachsener als auch aus der Erkenntnis der Vulnerabilit\u00e4t w\u00e4hrend<br>der gesamten Lebensspanne betrachtet, bedarf die Problematik Krankheit und Bedroht-Sein von einer<br>Krankheit einer neuen Reflexion, Betrachtung und Bewertung.<br>Jeder Mensch ist in jeder Sekunde seines Lebens von Krankheit, Behinderung, ja vom Tode bedroht. Erst<br>recht wissen wir noch viel zu wenig \u00fcber das wirkliche Leben, \u00fcber die Lebenswirklichkeit und Lebensqualit\u00e4t von Menschen mit einer \u2013 schweren \u2013 Erkrankung oder Behinderung, \u00fcber deren subjektives Empfinden, \u00fcber ihre wirklichen geistigen, emotionalen und sozialen Prozesse, \u00fcber die Art und Weise, wie sie ihr eigenes Leben empfinden, wahrnehmen und meistern. Erst jetzt beginnen WissenschaftlerInnen mehr oder weniger systematisch mit der Erforschung der subjektiven Befindlichkeit von Krankheit und Behinderung betroffener Menschen.<br><br>Wir Menschen existieren und als solche sind wir vielseitig, ja in unkalkulierbarer Weise in mehr oder weniger hohem Ma\u00dfe im k\u00f6rperlichen, geistigen, emotionalen und auch sozialen Bereich verletzbar oder<br>vulnerabel. Diese Erkenntnis d\u00fcrfen wir nicht aus unserem Bewusstsein verdr\u00e4ngen, vielmehr sollte sie<br>auch in den Wissenschaftsbereichen Medizin, Psychologie, Anthropologie, Theologie, Heilp\u00e4dagogik etc.<br>eine gr\u00f6\u00dfere Rolle spielen.<br>Im Zusammenhang mit Corona gibt es Anzeichen daf\u00fcr, dass Vulnerabilit\u00e4t auch zu einem neuen Verstehen von Menschen f\u00fchren, Impulse zu mehr Hilfsbereitschaft, sozialer F\u00fcrsorge, gegenseitiger Achtung, Respektierung des Soseins anderer, Achtung der Menschenw\u00fcrde, speziell auch zu einem neuen Verstehen von Menschen mit einer Krankheit und einer Behinderung freisetzen kann, weil wir uns \u00fcber unser Bewusstsein, d. h. gedanklich in der heutigen Zeit doch st\u00e4rker mit dem Ph\u00e4nomen Vulnerabilit\u00e4t auseinandersetzen und auch als m\u00f6glichen Bestandteil, als wahrscheinliche Situation unseres eigenen Lebens betrachten m\u00fcssen. Vulnerabilit\u00e4t geh\u00f6rt im Zusammenhang mit der Erkenntnis der Verletzbarkeit des Menschen und der prinzipiellen Bedrohung zu einem immanenten Bestandteil unseres Lebens. Dies mag zun\u00e4chst zur existentiellen Verunsicherung f\u00fchren, kommt aber der Wahrheit n\u00e4her als das Denken in<br>vermeintlichen Sicherheiten, wie sie die Werbung und der Perfektionsgedanke suggerieren. In diesem Kontext ist Leben im Sinne von Hineinfinden in die eigene Menschlichkeit und des Erlebens und Erfahrens von Grenzen, die freilich auch teilweise \u00fcberwunden und erweitert werden k\u00f6nnen, notwendig.<br>Das Heil im Hedonismus und auch im Pluralismus zu suchen, w\u00e4re fatal und gef\u00e4hrlich. Dies k\u00f6nnte alles<br>und nichts bedeuten, also brauchen wir neue Zielvorstellungen dar\u00fcber, wie wir als m\u00f6gliche und tats\u00e4chlich Betroffene mit der Vorstellung und Erfahrung von Krankheiten sowie Behinderungen und Bedrohungen an sich umgehen, vielleicht auch diese Situationen und Wahrnehmungen ertr\u00e4glicher machen. Vor allem Menschen im Krankheitszustand, aber auch die Gesunden d\u00fcrfen wir nicht ausschlie\u00dfen und wegsperren bzw. fast schon total isolieren, vielmehr m\u00fcssen wir ihnen auch durch Verstehen, Kommunikation und Handeln die Gewissheit geben, dass sie nicht vergessen werden. Wir m\u00fcssen psychisches und physisches Unwohlsein, \u00c4ngste und Probleme von Menschen sehr ernst nehmen.<br><br><strong>Heilp\u00e4dagogik als dialogisch-helfende Beziehungsgestaltung<\/strong><br><br>Im Mittelpunkt der Geschichte der Heilp\u00e4dagogik stehen Scheitern und Neuanfang in der Erziehung.<br>Heilp\u00e4dagogik begibt sich auf die Suche nach neuen Wegen, wenn Erziehungs- und Lernprozesse nicht in<br>Gang kommen, ins Stocken geraten oder vorzeitig abbrechen (vgl. Bundschuh 2010, 19\u201332).<br>Es geht prim\u00e4r um eine \u2013 neue \u2013 heilp\u00e4dagogische Sinnorientierung (Palfi-Springer 2019) von Kindern<br>und Jugendlichen, die in vor-, au\u00dfer- und nachschulischen Handlungsfeldern aufgrund von Behinderung,<br>Erziehungsfehlern sowie institutionellem Zwang und Druck in eine Problemsituation geraten sind.<br>Unter Ber\u00fccksichtigung der Bedeutung und der Geschichte des Begriffs Heilp\u00e4dagogik geht es um ein<br>behutsames erzieherisches Beeinflussen des Kindes in seiner somatopsychischen Ganzheit mit all seinen<br>Schwierigkeiten auf der Basis guter zwischenmenschlicher Beziehungen. Das Anbahnen, Entwickeln und<br>Vertiefen des erzieherischen Verh\u00e4ltnisses und seine Realisierung in der dialogisch-helfenden Beziehungsgestaltung wird bedeutsam (vgl. Kobi 2010). Im Kontext Heilp\u00e4dagogik handelt es sich um eine verstehende Haltung und Erziehung, die auf der Basis von Fachkompetenz etwas Zus\u00e4tzliches in qualitativer, teilweise auch in quantitativer Hinsicht bedeuten.<br>Dar\u00fcber hinaus zeichnet Heilp\u00e4dagogen und Heilp\u00e4dagoginnen eine innere Haltung aus, die das Tun und<br>Denken tr\u00e4gt, gerade dann, wenn sich nicht gleich L\u00f6sungen finden oder Erfolge einstellen. Der Begriff<br>Heilp\u00e4dagogik wird hier auch verwendet im Sinne von ,,kinderorientierter P\u00e4dagogik\u201d. Dazu geh\u00f6rt ein Menschenbild, das jedes Kind in seiner Eigenart und Einzigartigkeit akzeptiert, achtet und ernst nimmt, eine p\u00e4dagogisch-philosophische Orientierung, die, ausgehend von den jeweils individuellen M\u00f6glichkeiten sowie konkreten Lebensbedingungen des Kindes, vor allem auch die ureigenen M\u00f6glichkeiten wie Emotionen, Ressourcen, Kompetenzen unterst\u00fctzt sowie f\u00f6rdert und nicht \u2013 nur \u2013 Anpassungsverhalten. Es geht dabei keinesfalls um die Erziehung nach einem Menschenbild, wie es z. B. Religionen, staatliche Systeme, vielleicht auch manche LehrerInnen an Gymnasien vermitteln. Es gibt f\u00fcr die Einzigartigkeit eines Kindes kein Vorbild oder gar Muster. Eine Erzieherin bzw. ein Erzieher, die\/der ein Kind nach einem bestimmten Menschenbild erzieht, missbraucht an sich ihre\/seine \u201eVollmacht\u201c zu erziehen (vgl. M\u00f6ckel 2019, 101). Urs Haeberlin hebt die \u201eGefahren von nicht-bewussten Menschenbil-dern\u201c (1994, 18ff.) hervor und skizziert diese anhand von Beispielen im Kontext \u201eAlltagstheorien\u201c.<br>Kein Zweifel, wir machen uns ein Bild von Menschen und von Menschengruppen, aber wir m\u00fcssen uns<br>immer wieder die Frage stellen, welches allgemeine Menschenbild habe ich und welches Bild von diesem<br>oder jenem Kind mit Lern- und Verhaltensproblemen. Ein Menschenbild bildet auch die Grundlage unseres Tuns und Erkennens, aber wir m\u00fcssen sehen, dass im Alltag ein Bild von einem Kind mit einer Behinderung, einer Lernproblematik, ein Kind, das vielleichtunter behindernden sozialen und materialen Bedingungen aufgewachsen ist und von seinen LehrerInnen als \u201elerngest\u00f6rt\u201c oder \u201everhaltensgest\u00f6rt\u201c bezeichnet wird, viele Aspekte von Vorurteilen aufweisen kann.<br>Auch die im Arbeitsfeld Heilp\u00e4dagogik t\u00e4tigen Personen unterliegen der Gefahr, dass sie durch Theorien<br>oder durch Meinungen anderer Personen, etwa eine rein traditionell medizinische Sichtweise (vgl. Bundschuh 2019a, 47\u201351), auch durch Geschriebenes wie z.B. Sch\u00fclerakte und Gutachten, zu Meinungen kommen, die anthropologisch betrachtet nicht haltbar sind. Ein kritisches und gut reflektiertes, gleichzeitig<br>offenes Menschenbild ist notwendig.<br><br><strong>Wahrnehmen, Verstehen und Handeln<\/strong><br><br>Heilp\u00e4dagogik steht gleicherma\u00dfen im Dienste der Kinder und Eltern, die im Rahmen von Erziehung und<br>auch Unterricht traditioneller Art in eine Problemsituation geraten sind. Es geht der Heilp\u00e4dagogik vor<br>allem um ein Wahrnehmen und Verstehen dieser Problemsituation und um ad\u00e4quates Handeln. Reichtum<br>einerseits und alarmierende Zahlen \u00fcber die Zunahme realer Armutserfahrungen von Kindern, Jugendlichen, alleinerziehenden M\u00fcttern und ausl\u00e4ndischen Familien andererseits \u2013 gesellschaftliche Ausgrenzungen, der Kampf um elementare Menschenrechte und Kontroversen hinsichtlich der W\u00fcrde des Menschen \u2013, diese beispielhaften Ver\u00e4nderungen und Differenzen bilden einen wichtigen Ausgangspunkt des Nachdenken \u00fcber Lebensbedingungen von Kindern und Jugendlichen mit Behinderung, Lernst\u00f6run-gen und Verhaltensproblemen, die h\u00e4ufig auch zus\u00e4tzlich unter behindernden Bedingungen leben. Diese komplexen Herausforderungen generieren die Impulse zuk\u00fcnftiger heilp\u00e4dagogischer Theorie- und Praxisentwicklungen.<br>Einerseits bedeutet Wahrnehmen die Aufmerksamkeit auf das So-Sein eines Menschen zu richten, ihn zu beachten, sein Leben in seiner speziellen Situation zu betrachten und zu analysieren, seine Lebenssituation<br>mit Blick auf Verstehen und Unterst\u00fctzen zu reflektieren. Andererseits steht der Begriff \u201aWahrnehmung\u2018 f\u00fcr die Aktivit\u00e4ten des Gehirns. Wahrnehmen ist ein Prozess, durch den sich der Mensch in Form von Informationsaufnahme \u00fcber die Sinnesorgane und Reizverarbeitung im Gehirn Welt konstruiert und aneignet, wobei die eigene Aktivit\u00e4t der wahrnehmenden Person im Vordergrund dieses Vorganges steht (Bundschuh 2019b, 308\u2013313). Das Informationsmaterial wird dabei so verarbeitet, dass f\u00fcr das Individuum auf der Basis emotionaler Prozesse immer wieder neu Bedeutung entsteht (ebd. 2003, 111ff., 147\u2013152).<br>Wahrnehmung bildet somit die Grundlage f\u00fcr die Begegnungmit der Person- und Sachumwelt sowie dem<br>eigenen Selbst auf der Basis nahezu st\u00e4ndiger Bewertungen. Neuwahrnehmung hei\u00dft hier M\u00f6glichkeiten,<br>F\u00e4higkeiten und Kompetenzen kognitiver, sozialer, emotionaler und motorischer Art \u2013 trotz m\u00f6glicher<br>Behinderungen und behindernder Bedingungen \u2013 in den Vordergrund der Wahrnehmung eines\/einer Klienten\/Klientin zu stellen.<br>Welche Assoziationen sind mit dem Begriff Verstehen verbunden? Die moderne, rational orientierte Wissenschaft lehnt h\u00e4ufig mit scheinbar einsichtigen Begr\u00fcnden unsichere Begriffe wie beispielsweise \u201ap\u00e4dagogischer Bezug\u2018, \u201aheilp\u00e4dagogische Beziehung\u2018 und auch \u201aVerstehen\u2018 ab. Mit Wahrnehmen und dem Versuch, zu verstehen, entwickelt sich allm\u00e4hlich ein Bild vom Gegen\u00fcber, vom Du (Buber 2006). Einen Menschen verstehen hei\u00dft, seinen bisherigen Weg gedanklich und empathisch nachvollziehen und ihn in seinem So-Sein annehmen \u2013 ihn also in seinem Werden und in den Bedingungen des Werdens verstehen (vgl. Bundschuh 2008, 71ff., 2010, 126\u2013130). Es geht auch um eine Einstellung, die das Verhalten des Anderen und sein So-Sein achtet und akzeptiert, die unter Beachtung seiner Subjektivit\u00e4t versucht, ihn immer besser und vertiefter zu verstehen. Die sich dabei aufbauende Intersubjektivit\u00e4t impliziert, dass Heilp\u00e4dagogen und Heilp\u00e4dagoginnen die Welt des Anderen in seiner individuellen Lebenssituation begreifen oder zumindest bereit sind, in einen Prozess des Verstehenwollens und \u2013lernens einzutreten. Vom Anderen her gesehen erweist sich jede Handlung, jede Art von Verhalten als sinn-voll. Insofern hei\u00dft Verstehen auch Achtung vor der Unerschlie\u00dfbarkeit und Unverf\u00fcgbarkeit des Anderen (vgl. Bundschuh 2019a, 91-96). Heilp\u00e4dagogisches Denken erfordert Flexibilit\u00e4t, Offenheit und Offensein f\u00fcr alle M\u00f6glich-keiten einer Lebensgeschichte, bereit sein, den von uns pers\u00f6nlich bevorzugten Standpunkt in Frage zu stellen. F\u00fcr Heilp\u00e4dagoginnen und -p\u00e4dagogen ist dieses \u201eAuf-dem-Wege-Sein\u201c (Moor 1974) wichtiger<br>als das Wissen um das Ziel. Es l\u00e4sst sich fast ein triviales, allgemeines Ziel ableiten: die besondere Situation<br>eines Klienten\/einer Klientin in einer Problemsituation fordert immer wieder aufs Neue zum Handeln auf.<br><br>Eine Handlung ist eine Einheit, bestehend aus einer \u00e4u\u00dferen manifesten Aktivit\u00e4t und einem inneren<br>kognitiv-emotionalen Anteil. Handeln ist oft soziales Handeln, insofern spielt der soziokulturelle Kontext<br>eine wichtige Rolle. Der Heilp\u00e4dagogik geht es um Handeln und um die Handlungsf\u00e4higkeit im Rahmen<br>emotionaler, sozialer und geistiger Entwicklungen im Kontext ganzheitlicher Prozesse des Kindes und<br>Jugendlichen, vor allem um Erweiterung der Handlungsf\u00e4higkeit, Lebensgestaltung, Lebensqualit\u00e4t und<br>Autonomie. Der Mensch entwickelt und gestaltet seine Pers\u00f6nlichkeit in der erlebenden und handelnden<br>Begegnung mit der konkreten, in bestimmter Weise strukturierten und sich dynamisch ver\u00e4ndernden Welt,<br>die wir als Alltagswirklichkeit bezeichnen. In diesem prozesshaften Geschehen liegt die Herausforderung<br>der Heilp\u00e4dagogik. Sie tr\u00e4gt eine gro\u00dfe Verantwortung und spielt eine wichtige Rolle im Rahmen der Bildung, Ausbildung sowie Sinnfindung von Kindern und Jugendlichen. Die sozialen und anregenden, aber auch die objektiven und physikalischen Gegebenheiten besitzen vor allem in ihrer subjektiven Bedeutung f\u00fcr die handelnde Person hohe Relevanz. Es ist eine gro\u00dfe Herausforderung f\u00fcr die Heilp\u00e4dagogik, die h\u00e4ufig bestehende Kluft zwischen Wahrnehmen, Verstehen und Handeln im Sinne der ihr anvertrauten Personen zu schlie\u00dfen, zumindest zu verringern.<br><br><strong>Heilp\u00e4dagogik im Dienste von Kindern und Eltern<\/strong><br><br>Gerade die Heilp\u00e4dagogik muss Unwohlsein, insbesondere \u00c4ngste und Probleme von Kindern und Jugendlichen in der heutigen Zeit wahrnehmen und sehr ernst nehmen. Die entscheidenden Erkenntnisse<br>der P\u00e4dagogik und vor allem der Heilp\u00e4dagogik sind aus Krisen der Systeme, speziell des Schulsystems und mancher Heime im Hinblick auf Nichtbeachtung und Vernachl\u00e4ssigung der Probleme betroffenen Kinder und deren Eltern, hervorgegangen. <br>Krisen k\u00f6nnen auch zu entscheidenden Neuorientierungen f\u00fchren. Gerade in der Gegenwart erweisen<br>sich Fr\u00fche Hilfen, d. h. Erkennen und Diagnose von \u2013 h\u00e4ufig system- und umfeldbedingten \u2013 Problemen<br>und prophylaktische Aufarbeitung durch Gespr\u00e4che als dringend notwendig.<br>Die h\u00e4ufig so gepriesene pluralistische Gesellschaft geht einher mit den Erscheinungen Hedonismus, Werteverfall sowie Bindungslosigkeit und impliziert f\u00fcr die soziale und emotionale sowie f\u00fcr die geistige Entwicklung vor allem von Kindern und Jugendlichen, aber auch von Erwachsenen, leider auch Bedrohungen und Verletzungen unbekannten Ausma\u00dfes. Insofern m\u00fcssen Grundfragen im Hinblick auf diese Herausforderungen und Verletzbarkeiten der Gegenwart und Zukunft neu aufgegriffen, reflektiert und beantwortet werden. Dies geschieht auch durch Neuorientierung hin zu einer verstehenden Einstellung und Haltung Menschen gegen\u00fcber, die zu einer besseren Lebensbew\u00e4ltigung und damit mehr Lebensqualit\u00e4t f\u00fchren kann.<br>Die Aufgabe der Zukunft liegt auch darin, die Komplexit\u00e4t und Vielfalt der M\u00f6glichkeiten und Reize unserer Zeit auf ein f\u00fcr alle und f\u00fcr jeden einzelnen Menschen vertr\u00e4gliches und ertr\u00e4gliches Ma\u00df zu reduzieren. Manchmal kann weniger mehr sein!<br><br>Ziele k\u00f6nnten darin liegen, unsere M\u00f6glichkeiten in Richtung Gesundheit, Bewahrung und Neuwahrnehmung der Natur, gegenseitigem Verstehen und Respektieren zu erweitern, Neugierde und Freude selbst wieder und neu wahrzunehmen bzw. zu entdecken, mehr auf die Pflege von Emotionen zu achten und Perspektiven zu entwickeln. Vertreter des Konstruktivismus gehen davon aus, dass jeder Mensch ein autopoietisches selbstreferentielles System, also \u2013 absoluter \u2013 Gestalter seiner Welt sei. Die Vielfalt der Erfahrungswelt ergibt sich nicht aus der blo\u00dfen Abbildung der Umwelt, sondern sie muss erst vom Gehirn konstruiert werden. Jede Sekunde unseres Lebens impliziert die M\u00f6glichkeit einer Ver\u00e4nderung und eines Neuanfangs, d. h. wir werden die Vulnerabilit\u00e4t menschlichen Seins nicht besiegen, aber wir k\u00f6nnen lernen, besser und ehrlicher damit umzugehen. Dabei d\u00fcrfen wir auch die Hoffnung auf eine Geborgenheit spendende und verstehende Gesellschaft bzw. Gemeinschaft \u2013 auch au\u00dferhalb der Heilp\u00e4dagogik \u2013 nicht aufgeben. Es ist wichtig, dass es bei aller Unberechenbarkeit unserer Zeit noch einige, besser viele Haltepunkte gibt, die wir als \u201esicher\u201c, \u201ewahr\u201c, \u201eecht\u201c und \u201enat\u00fcrlich\u201c \u2013 im Gegensatz zu fassadenhaft und \u00e4u\u00dferlich \u2013 bezeichnen k\u00f6nnen. Ich denke, hoffe und w\u00fcnsche, dass wir Menschen es uns \u201eleisten\u201c k\u00f6nnen, echt zu sein. Denken und Handeln bilden auf der Basis eines wertorientierten<br>Menschenbildes die Grundlage f\u00fcr positive Entwicklungen und f\u00fcr eine gute Lebensqualit\u00e4t. Vulnerabilit\u00e4t, Krisen und Scheitern geben aus heilp\u00e4dagogischer Sicht und aus der Analyse behindernder Bedingungen Impulse zu einem neuen Wahrnehmen, Verstehen und Handeln.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator\"\/>\n\n\n\n<p><strong>Der Autor<\/strong><br>Konrad Bundschuh, Univ.-Prof. em. Ordinarius Dr. phil. habil.,<br>Diplom-Psychologe, Allgemeinp\u00e4dagoge und Sonderp\u00e4dagoge<br>Ludwig-Maximilians-Universit\u00e4t M\u00fcnchen<br>Fakult\u00e4t f\u00fcr Psychologie und P\u00e4dagogik,<br>Lehrstuhl f\u00fcr Verhaltensgest\u00f6rten- und Geistigbehindertenp\u00e4dagogik.<br>Kontakt: k.u.p.bundschuh@t-online.de<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator\"\/>\n\n\n\n<p><strong>Literatur<\/strong><br>Buber, M. (2006): Das dialogische Prinzip (10. Aufl.).Heidelberg: Schneider.<br>Bundschuh, K. (2000): Wahrnehmen \u2013 Verstehen \u2013 Handeln. Perspektiven f\u00fcr die Sonder- und Heilp\u00e4dagogik. Bad Heilbrunn: Klinkhardt.<br>Bundschuh, K. (2003): Emotionalit\u00e4t, Lernen und Verhalten. Bad Heilbrunn: Klinkhardt.<br>Bundschuh, K. (2008): Heilp\u00e4dagogische Psychologie (4. Aufl.). M\u00fcnchen: Reinhardt.<br>Bundschuh, K. (2010): Allgemeine Heilp\u00e4dagogik. Stuttgart: Kohlhammer.<br>Bundschuh, K. (2019a): F\u00f6rderdiagnostik konkret. Theorie und Praxis f\u00fcr die F\u00f6rderschwerpunkte Lernen,<br>geistige, soziale und emotionale Entwicklung (2. Aufl.). Bad Heilbrunn: Klinkhardt.<br>Bundschuh, K.\/Winkler, C. (2019b): Einf\u00fchrung in die sonderp\u00e4dagogische Diagnostik (9. Aufl.). M\u00fcnchen:<br>Reinhardt.<br>Haeberlin, U. (1994): Das Menschenbild f\u00fcr die Heilp\u00e4dagogik. Haupt, 3. Aufl.<br>Kobi, E. E. (2003): Diagnostik in der heilp\u00e4dagogischenArbeit (5. vollst. \u00fcberarb. Edition). Luzern: Verlag der<br>Schweizerischen Zentralstelle f\u00fcr Sonderp\u00e4dagogik.<br>Kobi, E. E. (2010): Personale Heilp\u00e4dagogik. Kulturanthropologische Perspektiven. Berlin: BHP Verlag.<br>M\u00f6ckel, A. (2019): Das Paradigma der Heilp\u00e4dagogik. W\u00fcrzburg: Bentheim.<br>Moor, P. (1974): Heilp\u00e4dagogik. Ein P\u00e4dagogisches Lehrbuch (3. Aufl.). Bern: Huber.<br>Palfi-Springer, Sandra (2019): Paul Moor \u2013 Impulsgeber einer Sinnorientierten Heilp\u00e4dagogik. Berlin: BHP<br>Verlag.<br><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Coronapandemie r\u00fcckt die Frage der Verletzbarkeit des Menschen in den Vordergrund t\u00e4glichen Denkens, F\u00fchlens und Handelns. 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