{"id":9732,"date":"2023-03-14T08:56:35","date_gmt":"2023-03-14T07:56:35","guid":{"rendered":"https:\/\/archiv-heilpaedagogik.de\/?p=9732"},"modified":"2023-03-14T08:56:40","modified_gmt":"2023-03-14T07:56:40","slug":"der-drohenden-resonanztaubheit-die-stirn-bieten","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv-heilpaedagogik.de\/en\/der-drohenden-resonanztaubheit-die-stirn-bieten\/","title":{"rendered":"<strong>Der drohenden Resonanztaubheit die Stirn bieten<\/strong>"},"content":{"rendered":"\n<h4 class=\"wp-block-heading\">von Ferdinand Klein<\/h4>\n\n\n\n<p>Der heute viel diskutierte Soziologe und Sozialphilosoph\u00a0<a href=\"https:\/\/www.suhrkamp.de\/person\/hartmut-rosa-p-4059\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\" title=\"\">Hartmut Rosa<\/a>\u00a0(geb. 1965) wendet sich dem unverf\u00fcgbaren zwischenmenschlichem Raum zu. Er sieht in dem Begriff Resonanz eine M\u00f6glichkeit zu dem Innenleben des anderen Menschen zu finden, mit ihm ein In-Beziehung-Treten zu pflegen durch wechselseitiges inneres Ber\u00fchren f\u00fcr ein gelingendes Leben. Gelingt dies nicht, dann beginnt eine Entfremdung.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"https:\/\/www.soziologie.uni-jena.de\/arbeitsbereiche\/allgemeine-und-theoretische-soziologie\/personen\/prof-dr-hartmut-rosa\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Hartmut Rosa<\/a>&nbsp;erkennt, dass heute die Sinnressource zunehmend austrocknet und Menschen in eine Sinnkrise f\u00fchren kann. Erwachsene und Kinder erfahren aber ihr Leben dann als sinnvoll, wenn sie sich mit der Welt und besonders mit anderen Menschen, mit ihrer Arbeit und ihrer Umgebung verbunden f\u00fchlen und in diesem Resonanzraum danach handeln. Anders gesagt: wenn sie Resonanz erleben und die Welt zu ihnen spricht.<\/p>\n\n\n\n<p>Versuchen wir die Entwicklung eines Kindes auf der Grundlage der mir bekannten Erkenntnisse aus den Humanwissenschaften auf den Punkt zu bringen, dann k\u00f6nnen wir sagen: Jedes Kind w\u00e4chst von Beginn an in die sozialen Regeln seiner Mitwelt hinein, lernt diese immer besser zu verstehen und einzuhalten, ebenso gestaltet es diese aus eigener Initiative mit, sofern seinem Bed\u00fcrfnis nach Resonanz, nach einf\u00fchlender Antwort, nach Anerkennung und Achtung seiner individuellen Entwicklung entsprochen wird. Hier gestaltet es im sozialen Miteinander seine Entwicklung und die Entwicklung seiner Mitwelt mit.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Der drohenden Entfremdung die Stirn bieten<\/strong><strong><\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Rosa fragt nach den verschiedenen M\u00f6glichkeiten der Weltbeziehung des Menschen in der Geschichte. Er erkennt, dass unser Zeitalter davon gepr\u00e4gt ist, die Welt kontrollierbar, beherrschbar und verf\u00fcgbar zu machen. Die Welt soll \u00f6konomisch, technisch, wissenschaftlich, rechtlich und politisch berechenbar und steuerbar gemacht werden. Dieser Prozess ist stabil zu erhalten. Das kann aber nur dann gelingen, wenn er beschleunigt, wenn er also w\u00e4chst und optimiert wird. Hier ist ein Verhalten des Menschen gefordert, das von \u00e4u\u00dferen Dingen bestimmt wird und den zwischenmenschlich mitschwingenden Raum (Resonanzraum) verk\u00fcmmern l\u00e4sst. Und der Mensch wird \u201eresonanztaub\u201c. Rosa entlarvt den folgenschweren Irrtum der \u201ekapitalistischen Warenwelt\u201c, die in ihrem endlosen Verf\u00fcgbarmachen ein Gl\u00fccksversprechen ank\u00fcndigt, das sich nicht erf\u00fcllen kann, da diese verf\u00fcgbare Welt mehr und mehr unlesbar und stumm zu werden scheint. Warum? Weil die Dinge und Zusammenh\u00e4nge, \u00fcber die wir verf\u00fcgen, die wir beherrschen und bestimmen, die zwischenmenschlich mitschwingende Qualit\u00e4t, also die Resonanzqualit\u00e4t verlieren.<\/p>\n\n\n\n<p>Diese leere, graue und farblose Welt bezeichnet Rosa als \u201eelementare Grundangst\u201c des Menschen: Die planbare, optimier- und berechenbare Beziehung zu Menschen und zur Welt erzeuge eben Angst vor dem Fremden. Sie kann zu pers\u00f6nlichen Krisen, Kontaktlosigkeit, Entfremdung und inneren Leere f\u00fchren. Aber eine mitschwingende Beziehung zur Welt wird erst durch das Einlassen auf Fremdes, auf Nicht-Planbares, Unvorhersehbares und Unverf\u00fcgbares m\u00f6glich, das den Menschen ber\u00fchrt und wandelt.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Potenzial der Religion und Kirche f\u00fcr unsere Zukunft in der Demokratie<\/strong><strong><\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Diesen Fragen, die f\u00fcr die von mir vertretene Heilp\u00e4dagogik grundlegend sind, wendet sich Rosa in einem Vortrag beim W\u00fcrzburger Di\u00f6zesanempfang 2022 zu. Auf die \u201eLiebe zum Leben\u201c weist er in diesem sozialphilosophischen Pl\u00e4doyer zur Demokratiest\u00e4rkung hin: In einfacher und gehaltvoller Sprache fragt Rosa im SPIEGEL-Bestseller-Buch \u201eDemokratie braucht Religion\u201c, nach dem Potenzial der Religion und Kirche f\u00fcr unsere Zukunft in der Demokratie und erkennt das Urph\u00e4nomen des zwischenmenschlichen Miteinanders.<\/p>\n\n\n\n<p>Rosa beschreibt die heutige Gesellschaft mit dem Begriff des \u201erasenden Stillstandes\u201c. Darin dr\u00fcckt er zwei Dinge aus, n\u00e4mlich, dass die Gesellschaft rast und zum anderen verharrt sie oder ist bereits erstarrt. Er erkennt: Wenn eine Gesellschaft gezwungen wird, sich st\u00e4ndig zu steigern, zu beschleunigen, sich voranzutreiben, aber den Sinn dieses Vorw\u00e4rtsbewegen verliert, dann ist sie in einer Krisensituation. Sie hat nicht mehr den Sinn daf\u00fcr, zu einem guten Leben zu finden, zu einem gelingenden Verh\u00e4ltnis zur Welt.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir haben nicht mehr das Gef\u00fchl, dass wir auf eine verhei\u00dfungsvolle Zukunft zugehen, sondern wir laufen vor einem Abgrund weg, der uns von hinten einholt. Das meint Rosa mit dem Begriff des rasenden Stillstandes: Wir m\u00fcssen jedes Jahr schneller laufen, um nicht in den Abgrund, der hinter uns immer schneller, immer n\u00e4her kommt \u2013 nicht zuletzt wegen der Klimakrise \u2013 abzust\u00fcrzen.<\/p>\n\n\n\n<p>Es geht Rosa um eine Weltbeziehung, aus der oder in der eine religi\u00f6se Praxis entsteht. F\u00fcr ihn hat Religion die Kraft dazu: Religion hat mit ihren Gesten, Praktiken und Meditieren, mit ihren Liedern, Rhythmen und R\u00e4umen einen Ideenreichtum f\u00fcr einen Sinn daf\u00fcr, was es hei\u00dft, sich anrufen zu lassen, sich transformieren zu lassen, also in Resonanz zu sein. Sein Schlusswort lautet: \u201eWenn die Gesellschaft&nbsp;<em>das<\/em>&nbsp;verliert, wenn sie&nbsp;dieseForm der Beziehungsm\u00f6glichkeit vergisst, dann ist sie endg\u00fcltig erledigt. Und deshalb kann die Antwort auf die Frage, ob die heutige Gesellschaft noch der Kirche oder der Religion bedarf, nur lauten: Ja!\u201c<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Fazit<\/strong><strong><\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>F\u00fcr Rosa ist Demokratie das zentrale Glaubensbekenntnis unserer Gesellschaft, aber sie erfordert eben Stimmen, Ohren und h\u00f6rende Herzen.<\/p>\n\n\n\n<p>Univ.Prof. Dr. Dr. et Prof. h.c. Ferdinand Klein<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p>Der Beitrag ist ebenfalls auf <a href=\"https:\/\/karpatenblatt.sk\/der-drohenden-resonanztaubheit-die-stirn-bieten\/\" title=\"\">karpatenblatt.sk<\/a> erschienen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>von Ferdinand Klein Der heute viel diskutierte Soziologe und Sozialphilosoph\u00a0Hartmut Rosa\u00a0(geb. 1965) wendet sich dem unverf\u00fcgbaren zwischenmenschlichem Raum zu. 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